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Eine Wissenschaft für sich - die Kaninchenernährung
Es wird häufig die Frage gestellt, warum in
dieser FAQ manche, sich widersprechende
Angaben in den Futterlisten gemacht werden. Es
gibt leider keine oder noch nicht bekannte
Untersuchungen darüber, was nun die richtige
Ernährung für Kaninchen ist. Da gibt es einmal
Angaben der Futtermittelwirtschaft - die
möchte natürlich ihre Produkte verkaufen. Dann
gibt es Ratschläge von Tierärzten, die
sich häufig nicht ausreichend mit Kaninchen
auskennen. Des weiteren gibt es Fachbücher
für Züchter, die natürlich in
erster Linie darauf abzielen, den Fleischlieferanten
Kaninchen möglichst schnell bei möglichst
niedrigem Gesundheitsrisiko zur Schlachtreife
zu bringen. Was man in solch einer Liste nie einbringen kann, ist das individuelle Verhalten und Wesen der Kaninchen, sowie deren Haltungsbedingungen. Wie beim Menschen auch, verträgt das eine etwas besser, das andere etwas schlechter. Ernährt man sich einigermaßen ausgewogen, wird das eine ungesunde Stück Sahnetorte nicht schaden. Ernährt man sich nur von ungesunden Dingen, wird die Gesundheit unter Umständen darunter leiden. Was man auf keinen Fall vergessen darf: Die ganzen Fütterungsempfehlungen, die gegeben werden, sind nur der Versuch eine adäquate, artgerechte Ersatzfütterung für das zu finden, was ein Kaninchen in freier Wildbahn frisst. In freier Wildbahn wachsen keine Grünrollis an den Bäumen und Joghurtdrops schießen auch nicht wie Pilze aus dem Boden. Ein Kaninchen in freier Wildbahn ernährt sich von dem, was eine Wiese hergibt. Es beknabbert Bäume und Sträucher und nagt am Wurzelwerk der Pflanzen. Sicherlich - im Spätsommer und im Herbst wird es vermehrt auch mal eine Getreideähre, ein paar Früchte, Samen und Nüsse finden. In dieser Jahreszeit muss sich ein freilebendes Tier ja schließlich auch auf den kargen Winter vorbereiten - aber das alles hat recht wenig mit dem zu tun, was unsere Kaninchen, besonders die Stadtkaninchen von uns zu fressen bekommen. Am allerwichtigsten ist es bei der Überlegung "wie füttere ich mein Kaninchen" - wie bei allen Dingen im Leben - viele Meinungen einzuholen, auf eigene Erfahrungen und den eigenen gesunden Menschenverstand zu bauen und sich niemals von einer einzigen Meinung in die Enge treiben zu lassen.
Selbst wissenschaftliche Untersuchungen, besonders
im Bereich Ernährungswissenschaften, werden
manchmal früher oder später widerlegt.
Jahrzehntelang mussten Kinder unter einem
Schreibfehler leiden: Spinat wurde fälschlicherweise
ein immenser Eisengehalt nachgesagt - verursacht
durch eine verrutschte Kommastelle in einer Nährwerttabelle.Kochsalz
wird verteufelt. Mittlerweile hat sich aber
herausgestellt, dass die maßgebliche
Untersuchungsreihe an Ratten erprobt wurde,
denen eine Menge Salz verabreicht wurde, die
einer täglichen Dosis von 500 Gramm für
den Menschen entspricht. Ohnehin ist es äußerst fragwürdig, Erkenntnisse aus der (Human-)Ernährungswissenschaft oder das Wissen von Unverträglichkeiten von Substanzen, von einer auf die andere Art zu übertragen. Jede Gattung, Art, Rasse hat ihre ganz eigenen Gifte und Nahrungsmittel. So reagiert z.B. der menschliche Organismus recht robust auf Süßigkeiten, der des Kaninchens dagegen, sehr empfindlich. Mein persönliches Fazit All das, was ich
hier zusammengetragen habe, beruht auf der jahrelangen
Beschäftigung mit dem Thema Kaninchenhaltung
und Kaninchenfütterung. Durch den eigenen
Verlust mehrerer Tiere, die auf Fütterungsfehler
zurückzuführen sind, habe ich das Vertrauen
in das bestehende Wissen über Kaninchenhaltung
verloren und nach Alternativen Ausschau
gehalten. Ich bin zu der Schlussfolgerung
gekommen, dass Fütterungsratschläge, die auf
der wirtschaftlichen Züchtung von
Schlachtkaninchen basieren (was meiner Meinung
nach auch sämtliche Heimtierratgeber tun),
nicht für meine Hausgenossen gelten können
- mit denen ich natürlich eine lange,
unbeschwerte Zeit verbringen möchte.
Den Ansatz für
eine gesunde Fütterung sehe ich in der genannten
"Ersatzfütterung", die auf dem Versuch basiert,
Kaninchen mit der Nahrung zu füttern, die
der eines Wildkaninchens am nächsten kommt. Kaninchen haben eine raffinierte Verdauung. Sie können im Gegensatz zu vielen anderen Gattungen aus nährstoffarmen, rohfaserreichem Futter Energie produzieren - selbst viele Vitamine können sie selber herstellen. Diese Fähigkeiten haben Kaninchen entwickelt, weil sie aus karger Landschaft stammen. Kaninchen verbringen den Großteil ihres Tages (oder besser gesagt ihrer Nacht) mit Futtersuche und Aufnahme. Meine Tiere füttere ich deshalb ausschließlich mit Heu und Frischfutter. Ein gutes Heu enthält viele Nährstoffe, ist abwechslungsreich und enthält die Menge an Sämereien, die im nicht kultivierten Anbau vorkommen. Da ich in der Stadt lebe, habe ich leider wenig Zugriff auf wildwachsende Pflanzen und muss mich damit begnügen, was ich im Gemüseladen kaufen kann. Ich verfüttere dreimal täglich recht große Frischfutterrationen, die aus einer möglichst großen Vielfalt an Wurzelgemüse, Blattgemüse und Kräutern besteht. Wenn es Geldbeutel und Angebot zulassen, möglichst aus biologischem Anbau - was ja auch uns Menschen besser schmeckt, als das hochgezüchtete Gemüse aus dem Supermarkt. Das mache ich jetzt seit zwei Jahren so - und bei keinem meiner Kaninchen kam es zu den fütterungsbedingten Erkrankungen, mit denen ich früher so oft zu kämpfen hatte. Sicherlich noch kein langer Zeitraum - aber neben dem bisher positiven gesundheitlichen Aspekt, bemerke ich ein ganz anderes Verhalten als bei meinen früheren Tieren. Durch die ständige Beschäftigung der Futteraufnahme, das Beknabbern von Zweigen und gepressten Heutalern, sind sie wesentlich munterer und zeigen kaum Langeweile - was sich positiv auf den Zustand unserer Einrichtung auswirkt. Sie haben mehr Bewegung (meine Tiere leben nicht in Käfigen), da sie in regelmäßigen Abständen den Futterplatz aufsuchen. Ich möchte mit meinem Artikel niemanden dazu bekehren, es mir gleich zu tun. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es viele verschiedene Ansichten und Meinungen gibt. Dass ständig neue Erkenntnisse gewonnen werden. Und dass es gerade im Bereich Ernährung - egal ob für Mensch oder Tier - keine "Gebrauchsanweisungen" gibt, die beschreiben wie man es 100%ig richtig macht. Jeder sollte für sich breitgefächerte Informationen einholen, Abwägen und Entscheiden. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass wir für uns eigenverantwortlich sind, das Wohl unserer Haustiere aber in unserer Verantwortung liegt. © Stephanie Wehner Siehe dazu
auch: Artgerechte Fütterung: Augen auf beim Futterkauf! aus AHO Aktuell Snacks für Kaninchen und Meerschweinchen von Dr. med. vet. Birgit Drescher |
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