Abszessbehandlung

Zuerst vielleicht ein paar Worte zur Theorie:

Ein Abszess ist Ansammlung von Eiter in einem nicht vorgebildeten, sondern durch Gewebeeinschmelzung entstandenen, allseitig abgeschlossenen Gewebshohlraum; wird später oft von einer Abszessmembran (Bindegewebe) umgeben. Falls es zu Abszessbildung oder Wundheilungsstörung kommt, sind in der Regel pathogene Keime im Spiel. Ziel der Therapie ist Verminderung oder Vernichtung dieser Keimflora. Die lokal durchzuführenden Massnahmen an der Wunde sollten dieses Ziel erreichen. Dazu gehören Spülungen, Desinfizieren mit geeigneten Mitteln, Abtragung von Nekrosen (abgestorbenes Gewebe).

Die Krankheitserreger sitzen auf (in) der oberflächigen Strukturen. Das gesunde Gewebe ist rosig und gut durchblutet. Wenn der Körper mit seinem Blut Anschluss an die fremde Keimflora bekommt, dann erkennt er diese mit seinem Immunsystem als feindlich und versucht, sie zu bekämpfen. Daher ist es nicht falsch, wenn die Wunde (Abszesshöhle) beim Säubern blutet.

Wenn die Wunde zu groß ist, sollte man sie chirurgisch sanieren und vernähen.

Soviel zur Theorie. In der Praxis, gerade bei Kaninchen, verläuft das meistens anders, und zwar deprimierend. Ich weiss nicht, woran das liegt, vielleicht haben die Tierchen ein schwächeres Immunsystem, aber die Erkrankung an einem Abszess endet für ein Kaninchen meistens tödlich. Das hat eine Tierärztin damals zu mir gesagt (mit einem sehr skeptischem Blick):

"Einen Abszess kriegen Sie bei einem Kaninchen wahrscheinlich nie weg. Sie können es versuchen, ich kenne einen Mann, der es geschafft hat. Aber sie müssen damit rechnen, dass der Abszess sich immer wieder erneuern wird, und nach einem halben Jahr wächst an der Stelle wieder eine Eiterbeule."

Bei meinem Kaninchen konnte man das kranke Gewebe nicht ausschneiden. Der Abszess lag an der Hüfte und war so groß, dass man ihm die ganze Hinterpfote amputieren müsste. Wir (mein Kaninchen Dipsy >die Erste< und ich) haben 4 Monate lang gekämpft und haben leider den Kampf verloren. In den 4 Monaten habe ich einige Mittel ausprobiert, die ich gerne beschreiben möchte.

Der Eiter ist beim Kaninchen sehr, sehr zäh und dickflüssig. Er wird von alleine nicht abfliessen. Man muss die Abszesstasche regelmässig von dem Eiter und von dem abgestorbenem Gewebe befreien, sprich auskratzen. Dabei kann sich ein scharfer Sekretlöffel sehr nützlich erweisen. Er muss ziemlich klein sein, höchstens 4 mm Durchmesser. Wenn nämlich der Eingang zur Abszesstasche sehr klein ist, kommt man mit einem breiteren Ding nicht hinein. So ein Sekretlöffel kann man bei "Arztbedarf" kaufen, oder ein netter Tierarzt kann einen für die Dauer der Behandlung ausleihen.

Wie ich schon gesagt habe, muss die Abszesstasche regelmässig gesäubert werden. Es reicht nicht 2 x in der Woche. Das muss schon 2 x am Tag sein, wenn man Hoffnung auf Erfolg haben will. Am besten überwindet man sich und macht es selbst, weil so oft zum TA fahren kann doch niemand (auch die Kosten muss man bedenken). Ich habe es immer morgens und abends gemacht, manchmal sogar auch mittags. Das tut dem Kaninchen nicht weh.

Zum Spülen braucht man eine Spritze (aus der Apotheke), und wenn die Tasche tief ist, macht man das am besten mit einer Knopfkanüle. Eine Knopfkanüle unterscheidet sich von einer normalen, indem sie mit einer durchgängigen Kugel (Olive) beendet ist, durch die Flüssigkeit durchkommt, man kann aber mit ihr nicht verletzen. Es gibt die Knopfkanülen in verschiedenen Dicken und Olivengrössen. Man kann sie ebenso bei Arztbedarf kaufen oder vom (netten ) Tierarzt ausleihen. Die Knopfkanüle eignet sich auch sehr gut, wenn man dem Tierchen flüssige Medikamente einflössen muss.

DIE MITTEL

Die Behandlung wurde mit Surolan angefangen. Das ist eine Antibiotika-Suspension, die bei Kleintieren sehr oft verschrieben wird. Nach einer Woche sollte sich der Erfolg zeigen. Es war leider nicht der Fall. Also wurde die Surolan-Therapie abgebrochen.

Wasserstoffperoxidlösung (H²O²) 3% : Beim Kontakt mit dem organischem Gewebe wird Sauerstoff (der desinfizierend wirkt) freigesetzt. Das verursacht Schäumen. Dieses Schäumen reinigt mechanisch die Wunde.

Man sollte dieses Mittel nicht tief in die Wunde einführen. Die entstehenden Gase können die Wundränder noch weiter auseinander drücken und somit die Wunde noch vergrössern. Das H²O² 3% reizt auch das Gewebe zur Granulation, das heißt zum neuen Wachstum, also wenn man nur ein kleines Loch als Eingang zur Abszesstasche hat, muss man aufpassen, dass es uns dadurch nicht zuwächst.

Ähnliche Wirkung wie Wasserstoffperoxid hat Kaliumpermanganat (Kalium hypermanganicum). Das sind dunkelrote oder violette Kristalle, die man in Wasser auflöst. Es wird in 0,05 bis 0,1%iger Lösung angewandt. Dieses Mittel ist etwas schwächer als H²O², wirkt aber über etwas längere Zeit. Es kann nach längerer Anwendung das Gewebe leicht reizen.

Über eine kurze Zeit und auf kleinen Flächen kann man auch folgende Mittel benutzen: Mercuchrom - aber Vorsicht, enthält Quecksilber, oder auch Jod-Verbindungen, wie z.B. Betaisodona oder Braunol. Aber Mercuchrom und Jodverbindungen nie zusammen! Jodverbindungen können toxisch wirken und die Wundheilung hemmen, also wenn man andere Desinfektionsmittel zur Auswahl hat sollte, man diese o.g. nicht benutzen.

Ein Antiseptikum, das zur Abszessbehandlung sehr gerne genommen wird, ist Rivanol. Man kann in der Apotheke die Tabletten kaufen und daraus eine gelbe Spüllösung zubereiten. Man muss mind. 2 x am Tag spülen. Rivanol hat kaum Kontraindikationen und Nebenwirkungen.

Ein sehr wichtiges Mittel, das ich hier erwähnen muss ist FIBROLAN.

Das ist Trockensubstanz (in Ampullen) zur Herstellung einer Lösung (mit Kochsalz 0,9%) . Die zubreitete Lösung dient zur enzymatischen Wundreinigung und Verflüssigung von z. B . zähem (Kaninchen-) Eiter. Super-Mittel bei Wundheilungsstörungen, Abszesshöhlen, Geschwüren und anderen eitrigen Geschichten. Fibrolan enthält Enzyme (tierische), also ist die fertige Lösung nicht sehr lange haltbar. Ich habe immer die kleinste (wegen der kurzen Haltbarkeit) Ampulle gekauft, die man mit 10 ml Kochsalz auflöst, die Lösung habe ich im Kühlschrank aufbewahrt, immer nur ca 0,5 bis 1 ml aus dem Fläschchen mit einer Spritze rausgeholt und mit der Knopfkanüle 3 x täglich in die Abszesstasche eingeträufelt. Das Zeug erleichtert wirklich sehr die Wundreinigung, weil man nicht so viel kratzen muss - der Eiter ist flüssiger. Das Problem ist - Fibrolan ist verschreibungspflichtig und nicht viele Tierärzte wissen von seiner Existenz. Ich habe mir immer von einem "Menschenarzt" ein Privatrezept ausstellen lassen, was ich dann voll bezahlen musste. Und Fibrolan ist nicht gerade billig. 10 ml Lösung kostet ca 30 DM.

Lokalantibiotisch kann man die Abszesse, Geschwüre etc mit Leukase N Kegel behandeln. Diese wirken lokal gegen bestimmte Bakterien und lokal schmerzstillend (lokales Antibiotikum, Lokalanästhätikum). Je nach Grösse der Wunde soll man täglich 1 bis 4 Kegel einlegen. Man sollte es höchstens über 2 Wochen machen. Bei meinem Kaninchen hat das Medikament leider nichts gebracht.

Das waren die Mittel, die ich ausprobiert habe. Noch kurz zu der Reihenfolge:

Zuerst habe ich die Abszesstasche mit dem Sekretlöffel gesäubert. Dann mit Wasserstoffperoxidlösung gespült. Mehrmals, bis klare Lösung raus kam. Dann ein paar Minuten abgewartet und mit 0,9% (physjologisch) Kochsalzlösung neutralisiert, bevor ich mit einem anderen Mittel gearbeitet habe. Dann habe ich entweder noch mal gespült mit Rivanol oder Fibrolan eingeträufelt. Wenn ich Kaliumpermanganat benutzt habe, habe ich kein Wasserstoffperoxid davor genommen. Beide wirken nämlich oxydierend und könnten die Wunde zu sehr reizen! Wenn ich gerade kein Fibrolan hatte, habe ich entweder nur H²O² 3% + Kochsalz + Rivanol oder nur Kaliumpermanganat benutzt.

Dank Uwe Rücker habe ich erfahren, dass in USA auch andere Antibiotika lokal angewendet werden, die in Form von Perlen in die Wunde eingenäht werden. Der Tierarzt muss aus sog. Knochenzement und Antibiotikum selbst Perlen anfertigen, die in die Wunde eingenäht werden und über mehrere Jahre den Wirkstoff an Ort und Stelle abgeben können. Voraussetzung ist bei solcher Behandlung die chirurgische Sanierung, also das ganze kranke Gewebe auszuschneiden. Man muss also auch die Grösse des Abszesses bedenken! In Deutschland gibt es in der Humanmedizin auch schon fertige Produkte in der Art. Ich habe folgende gefunden:

Refobacin -Palacos R: enthält Knochenzement + Antibiotikum: Gentamicinsulfat

Es klingt ähnlich wie das, was Uwe R. beschrieben hat.

Septopal - Kugelketten: Wirkstoff ist auch Gentamicinsulfat. Das sind Ketten auf chirurg. Draht zum Einbringen in infizierte Wunden (Knochen und Weichteile).

Sulmycin Implantat: Schwamm aus Kollagen + Gentamicinsulfat. Nach Ausräumung des Herdes wird so ein Schwamm je nach Grösse des Defektes und nach Körpergewicht eingenäht. Auch sehr kostspielig.

Mittlerweile wird die Methode mit den Septopal-Ketten auch schon in Deutschland angewandt.

Mein Kaninchen ist gestorben. Ich mache mir heute Vorwürfe, dass ich zu wenig unternommen habe. Heute würde ich einiges anders machen. Vor allem würde ich sofort auf eine Kultur- und Resistenzuntersuchung bestehen. Und dann, je nach Befund, würde ich um eine antibiotische Behandlung bitten (natürlich zusätzlich zu den Lokalmassnahmen). Aus einem folgendem Grund: Diese Bakterien, die in einem Abszess an Ort und Stelle brüten, können in den Kreislauf gelangen. Dann ist der Weg für sie frei, um die inneren Organe zu "erobern". Diese werden dadurch enorm geschwächt. Somit stirbt das Kaninchen nicht an einem Abszess, sondern an Herz- oder Nierenversagen!

Und da orale Antibiotikagabe den Verdauungsapparat zu sehr belastet - am besten spritzen. Ich kenne eine Frau, deren Kaninchen wegen eines Abszesses (am Rücken) antibiotisch behandelt wurde, und das Tierchen lebt glücklich heute immer noch.

In dem Sinne Isabella

© 2000 Isabella

Links zur Behandlungsmethode für den TA:
http://www.mth.kcl.ac.uk/~llandau/Homepage/Rabbit/abscess.html
http://www.rabbit.org/chapters/san-diego/health/vet-talk/beadtherapy.html

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